Das Baukastenboot – VEB Volkswerft Ernst Th lmann 1959

    0
    25

    Das Baukastenboot – Dein Motorboot bau selbst

    Dieser historische Prospekt aus dem Jahr 1959 stammt vom VEB Volkswerft Ernst Thälmann in Brandenburg (Havel) und bewirbt ein innovatives Konzept: ein Motorboot zum Selberbauen aus vorgefertigten Baukästen. Der Prospekt richtet sich an Werktätige, die sich den Traum vom eigenen Boot erfüllen möchten, ohne die hohen Kosten eines fertigen Bootes tragen zu müssen.

    Die Idee hinter dem Baukastenboot

    Wer möchte nicht mit einem Motorboot sein Wochenende und seinen Urlaub verbringen? Viele Werktätige erleben bereits die Schönheit der Heimat im Boot und schöpfen neue Kraft für den Alltag durch die gesunde Entspannung in frischer Luft, wie sie der Wassersport bietet.

    Doch es gibt viele, die noch zurückstehen – die Geldausgabe für ein großes, geräumiges Boot erscheint manchem noch zu hoch; viele möchten, um Geld zu sparen, sich selbst gern ein Boot bauen, aber einmal ist es schwer, sich das erforderliche Material zu beschaffen und dann ist es ja der Schiffbau und sein kleiner Bruder, der Bootsbau, doch eine Kunst; es gehört viel handwerkliches Können und Erfahrung dazu, einen Bootsriß zu entwerfen und danach zu bauen, die Spanten, Steven, Stringer und die Außenhaut zu formen und zu bearbeiten.

    Das Bauen selbst macht doch auch Freude, nicht wahr? Nicht nur die Freude haben, im eigenen Boot zu fahren, sondern auch sagen zu können: „Das hab ich mir selbst gebaut!“ – gibt noch mehr Freude und Genugtuung.

    Das Lieferkonzept: Drei Baukästen

    Baukasten Nr. 1

    Enthält die Spanten, Bodenwrangen, Schotten, Vorsteven, Kiel, Spiegel und Stringer für das Boot. Alles wird paßfertig mit etwas Zugabe zugeschnitten geliefert. Die Aufgabe des Bauherrn ist es, auf einer – leihweise übergebenen – Auflage für das Boot, einer Helling, nach einer genauen Bauanleitung diese Bauteile zusammenzubauen. Die Spantrahmen werden bereits komplett geliefert, d.h. Spante, Bodenwrangen und Deckbalken sind bereits zusammengeleimt und mit Kupferstiften vernietet. Leim und Schrauben für den weiteren Zusammenbau werden mitgeliefert.

    Baukasten Nr. 2

    Enthält die Außenhautbeplattung, das Deck, die Einfassungen der Sitzumrandung und der Klappenöffnung, die Klappe, die Scheuer- und Zierleisten und die Bodenbretter. Auch hier ist alles vorbereitet, die Leisten vorgebohrt und angesenkt, alles kommt zum Käufer, selbst die Schrauben (mit etwas Reserve, falls eine mal verschwindet). Zusätzlich befindet sich im Kasten Nr. 2 ein Kunststoffbehälter mit Farbgefäßen. Die Farben und der Lack werden streichfertig verpackt geliefert, sodass sie sofort benutzt werden können. In einer Einzelpackung ist nur so viel enthalten, wie in zwei Stunden verstrichen werden kann (da meist nach Feierabend gebaut wird). Die Farbzusammenstellung kann nach individuellem Geschmack gewählt werden – natürlich im Rahmen einer gewissen Anzahl von Grundfarben.

    Baukasten Nr. 3

    Enthält die Beschlagteile, die Windschutzscheibe mit Halterung, das Steuerrad und die Sitzbänke.

    Was muss man können?

    Sie müssen verstehen mit dem Zollstock genau zu messen, Leim – nach Gebrauchsanweisung – anzurichten, Schrauben anzuziehen, nachzuhobeln, zu feilen, mit Sandpapier zu schrubben und mit Farbe zu streichen, weiter nichts! (Wenns der Vati nicht kann, hilft der Sohn – der hats vielleicht schon im polytechnischen Unterricht gelernt. Oder es kommen Arbeitsgemeinschaften zusammen, wo jeder das tut, was er am besten kann.)

    Die einzelnen Konstruktionen der Verbindungsstellen sind so ausgeführt, dass die sonst beim Bootsbau erforderlichen Paßarbeiten so verringert sind, dass auch bootsbautechnische Laien die Arbeiten beim Zusammenfügen des Bootskörpers ausführen können. Besondere Hilfe bietet die Helling; denn auf dieser können ohne besonders schwierige Ausrichtarbeiten die Spantrahmen montiert werden und so den Zusammenbau wesentlich erleichtern.

    Technische Daten

    Länge: 4,30 m
    Breite: 1,60 m
    Tiefgang des Bootskörpers: 15–20 cm (je nach Motorgröße)
    Gewicht ohne Motor: etwa 130 kg
    Tragfähigkeit: 4 Personen
    Material der Verbände: Eiche
    Material von Außenhaut und Deck: Kochfestverleimtes Bootsbausperrholz

    Konstruktion und Ausstattung

    Das Boot bietet durch seine Breite zwei Personen nebeneinander Platz und zwei sitzen hinter den Vorderen, also passen bequem vier Personen hinein. Die Sitze sind schaumgummigepolstert und mit einem Kunstlederbezug versehen – wenn das mal naß wird schadet es nichts, es fault nie und ist leicht sauber zu halten.

    Wenn die Rückenlehnen der Sitze zurückgeklappt werden, entsteht eine waagerechte Liegefläche für zwei Personen, wobei die vorderen Sitze schräggestellt bleiben und als Kopfpolster dienen. Die Sitzflächen liegen auf den Bodenwrangen auf, das spart die Bodenbretter unter den Sitzen – der Raum zwischen den Bodenwrangen und Sitzunterteilen ist zusätzlich zum Verstauen von Kleinigkeiten nutzbar. Die Sitzflächen können hochgeklappt bzw. abgenommen werden.

    In den Raum im Vorschiff zwischen den Schotten kann ein Motor eingebaut werden mit Wellenleitung und Auspuff. Wer einen Außenbordmotor oder Heckmotor vorzieht, dem bleibt der Raum als Stauraum. Das Baukastenboot ist als Motorbootskörper, als Tourenboot konstruiert, nicht als Rennboot. Es ist so ausgeführt, dass die Wahl, welche Art Motor ein- bzw. angebaut werden soll, frei bleibt; auch ist es möglich, später mal den Antrieb zu ändern.

    Unsere Konstrukteure haben im vorderen Deck eine Klappe eingebaut, damit man an den Motor oder die Sachen im Stauraum leicht herankommen kann. Die Klappe kann vom Steuersitz her hochgestellt werden, sodass man also von achtern den Raum zwischen den Schotten betreten kann.

    Zur Bedienung des Ruders kann ein Seilzug eingebaut werden, und als Steuerrad wird ein Steuerrad vom „Trabant“ verwendet.

    Material

    • Spantrahmen, Bodenwrangen und Stringer und Vorsteven: Eiche
    • Außenhaut, Schotte, Deck und Spiegel: getestetem, kochfestverleimtem Bootsbau-Sperrholz
    • Beschlagteile: Aluminium poliert
    • Zierleisten und Scheuerleisten: ebenfalls aus Aluminium

    Zusatzlieferung

    Als Zusatzlieferung auf besonderen Wunsch werden Einsteckrahmen und Persenning geliefert, damit bei Schlechtwetter oder nachts sich ein Dach über den Kopf errichtet werden kann, ohne das Boot verlassen zu müssen.

    Fahreigenschaften

    Das Boot hat entsprechend den modernen Entwurfsgrundsätzen gute Fahreigenschaften, geringen Tiefgang und ist wegen seiner Breite kaum zum Kentern zu bringen.

    Bestellung

    Interessenten konnten unverbindlich eine Postkarte an die Absatzabteilung schreiben, um weitere Angaben über das Boot und die Bezugsmöglichkeiten beim Handel zu erhalten.

    Fb 1493/59 1/4/9/51 Alfred Moese, Buchdruckerei, Brandenburg (Havel)

    Vorheriger ArtikelCamping Dingi – VEB Schiffswerft Rechlin 1961
    Nächster ArtikelDas Boot für Sie – Verkaufssortiment der Abt. Sportgeräte Union 1966
    webmaster
    Mein Name ist Detlev Pickert, geboren 1957 in Berlin-Zehlendorf. Als Gründer und Webmaster von Klassik-Boote.de widme ich mich mit großer Leidenschaft dem kulturellen Erbe des Wassersports. In den späten 1970er Jahren, während meiner Tätigkeit im Großkauf am Saatwinkler Damm, beobachtete ich fasziniert die Testfahrten von Dieter König und seinem Team. Diese Begegnungen weckten in mir eine tiefe Begeisterung für die Geschichte der Boote – ihre Herkunft, ihre Besitzer, ihre Erlebnisse. Es ist diese „Provenienz“, die einem Boot seine Seele verleiht. Seitdem habe ich hunderte Interviews mit Bootsbauern, Werftbesitzern und Motorenschlossern geführt und in Archiven, Bibliotheken und Fachmagazinen recherchiert. So entstand ein umfangreiches Wissen, das ich nun – nach einer längeren Pause – Stück für Stück auf dieser Plattform veröffentliche. Jede Geschichte bleibt offen, denn täglich kommen neue Erkenntnisse hinzu. Ich bin kein studierter Germanist oder Journalist. Ich schreibe so, wie ich denke und fühle – authentisch, direkt und mit Herzblut. Wer sich davon angesprochen fühlt, ist herzlich eingeladen, mitzulesen, mitzudenken und vielleicht sogar einen virtuellen Kaffee über den Spendenknopf auszugeben. Vielen Dank für Eure Unterstützung und Euer Interesse an der faszinierenden Welt klassischer Boote.