Theodor Ernst

Theodor Ernst, Vater von Manfred Ernst und Sohn von Oswald Ernst war ein erfolgreicher Segler, Motorbootrennfahrer, Konstrukteur unzähliger Freizeit- und Fahrgastschiffe, Werftbesitzer und ein sehr erfahrener Bootsbauer in Holz, Stahl und das erste "Kunststoffboot (Igelit).

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Theodor Ernst ist am 11.02.1903 in Berlin geboren. Er erlernte den Schiffsbau bei seinem Vater, Oswald Ernst und beendete seine Lehrzeit mit der Gesellenprüfung. Die Ausbildung komplettierte er später mit seiner Meisterprüfung, die er in der Naglo-Werft (später Lanke Werft) ablegte. Sein Prüfungsmeister war Herr Hanke, sein Meisterstück ein Bauteil aus Stahl.

Berliner Herbstwoche 1929 - 15m² Binnenfahrtklasse
Berliner Herbstwoche 1929, 15m² Binnenfahrtklasse, v.l.n.r: F62 – Ralle/Theodor Ernst-Berlin, F64 – Primavera III/Ernst Reinhard-Wannsee, F56 – Vesla VIII/Dr. W. Schlodtmann-Hamburg

Theodor Ernst konstruierte und baute in der Werft seines Vaters unzählige Boote in unterschiedlichen Größen und Typen, Segeljollen, Rennboote, Sportboote, Kajütboote, Fahrgastschiffe und vieles mehr. Im Groben kann festgehalten werden, dass Theodor Ernst in den 20-ziger Jahren Segelboote baute, hauptsächlich 15er Jollen. In den 30-er Jahren baute er überwiegend Motorrennboote. Sportlich gesehen segelte er in den 20-er Jahren, in den 30-er Jahren fuhr er Motorbootrennen. Nach dem Krieg segelte er wieder und fuhr Motorbootrennen. Im Segeln war er DDR-Meister und fuhr unzählige Siege ein. Auch im Motorbootrennsport war er ein erfolgreich. Seine erfolgreichste Zeit waren die Jahre 1927 bis 1952. In dieser Zeit gewann er international sehr viele Rennen, meist gegen weit aus besser motorisierte Boote. Über die sportlichen Höhepunkte berichten wir in einem separaten Artikel.

G96 Ralle - Theodor Ernst - König Außenborder
G96 Ralle – Theodor Ernst – König 3-Zyl. Sternmotor

Auf diesem Bild ist Theodor Ernst 1939 vor einem Rennen zu sehen. Ein absolutes Politikum gibt es zu erkennen und wird weit reichende Folgen für ihn haben. Er hatte einen weißen Overall an, die Farbe der deutschen Motorsportler bei Auto und Boot. Normalerweise war auf den Overalls das Zeichen des NSKK angebracht. Hierzu muss man wissen, dass im Dritten Reich alle Motorboot-Vereine dem NSKK zwangsuntergeordnet wurden. Es war nur Mitgliedern dieser Vereine erlaubt, sich an Motorbootrennen zu beteiligen. Bei einer Rennbootveranstaltung in Dresden kam Theodor Ernst mit seinem PKW und einen Trailer angefahren, auf dem er das abgebildete Boot drauf hatte. Zur Einfahrt auf das Gelände verwehrte ihm ein SS-Mann den Weg mit dem Spruch „Hier dürfen Sie nicht parken“ und wollte wissen wer er ist. Theodor Ernst nannte dem Posten seinen Namen und erklärte ihm, dass er mit seinem Boot am Rennen teilnehmen wolle. Daraufhin sagte der Posten zu Theodor Ernst: „Sie sind also der NSKK-Mann Ernst“. Dies verneinte Theodor Ernst mit dem Satz „Nein, ich bin kein NSKK-Mann“. „Wo haben Sie Ihren Spiegel“ antwortete der Posten und Theodor Ernst beantworte die Frage mit „na zu Hause an der Wand“. Das war Zuviel. Es gab eine riesige Auseinandersetzung und im Verlauf riss sich Theodor Ernst vor lauter Wut das NSKK-Abzeichen vom Overall. Letztendlich durfte er aber am Rennen teilnehmen. Schon vor dem Rennen wurde aber eine Werbung der Werft von Theodor Ernst in Zeitungen mit dem Slogan „selbst gefahren, selbst erfahren“ veröffentlicht. Theodor Ernst war mit seinem Boot kniend hinter dem Steuer und dem NSKK-Abzeichen auf dem Revers abgelichtet worden.

Im Segeln gewann er 1922/23 in Hamburg zwei von drei Konstrukteurs-Pokale. Je erfolgreicher er als Sportler im Segel- und Motorbootrennen war, umso weniger Zeit hatte er als Baumeister und Konstrukteur. Daher arbeitete er zu dieser Zeit sehr viel mit anderen Konstrukteuren zusammen. Auszugsweise sei hier nur Karl Marconi und die Engelbrechts genannt. Es war für ihn leichter, zu einem Konstrukteur zu gehen und zu sagen „Mach mir mal die Zeichnung und wir bauen das Boot“. Trotzdem hatte Theodor Ernst eine Vielzahl Boote in allen Größen selbst konstruiert und gebaut. Sein Sohn Manfred Ernst erinnert sich an folgende Situation: Karl Marconi lebte in Italien und nach dem Krieg wollte ein schlauer Sachse ein Boot bauen und hat an Herrn Marconi einen Brief geschrieben mit der Bitte, er wolle gerne eine Zeichnung für ein Boot haben. Marconi beantwortete den Brief mit den Worten, warum wollen sie von mir eine Zeichnung kaufen, wenn sie doch im eigenen Land so einen Konstrukteur wie Ernst haben?

Visitenkarte Theodor Ernst
Visitenkarte Theodor Ernst

1941 übernahm Theodor Ernst die Werft seines Vaters Oswald Ernst. Theodor Ernst wurde vom Heeresdienst reklamiert. 1943 wurde die Werft durch einen Luftangriff zu 2/3 zerstört. Er baute die Werft innerhalb eines Jahres wieder neu auf. So wurde eine neue 1.000 m² große Halle aufgebaut in der er Holz- und Stahlschiffe bis zu 25 m Länge baute. Nach Kriegsende wurde die „Ernst-Werft“ nicht demontiert und er begann mit einer doppelt so großen Belegschaft, wie vor dem 2. Weltkrieg. Anfangs mussten, wie bei allen Bootsbaubetrieben, für die russische Besatzmacht Reparationsaufträge erledigt werden. Es wurden Schlepper und jede Menge Rettungsboote aus Holz und Stahl repariert und neu aufgearbeitet. Theodor Ernst konnte, mit Unterstützung der russischen Kommandantur, die ihm die Bezugsscheine für die Baumaterialien genehmigten, ein neues Wohnhaus errichten, das von der Familie Anfang 1948 bezogen werden konnte. Die Freude darüber dauerte allerdings nur einige Wochen. Erinnert sich der Leser an die Geschichte mit der Rennsportveranstaltung in Dresden? Genau diese Werbung war nämlich das Verhängnis für Theodor Ernst. Neider, die der Gewerkschaft und den Kommunisten zugerechnet wurden, sammelten Beweise und eidesstattliche Erklärungen, die Theodor Ernst bei der russischen Besatzungsmacht als Kriegsverbrecher denunzierten. Er musste sich mächtig dagegen wehren, nicht in der NSKK gewesen zu sein, hatte es auch schriftlich, aber der „NSKK-Mann“ wurde als Aufhänger für die Enteignung genommen. Die Enteignung war schon lange festgelegt, es wurden später noch Unterlagen gefunden, in denen wörtlich drin stand „findet Gründe“. Die DDR konnte Theodor Ernst nichts nachweisen, alles war an den Haaren herbeigezogen. Die Beschuldigungen konnte die russische Besatzungsmacht nicht überprüfen und stimmten einer Enteignung zu. Güter und Eigentum, die nicht im „demokratischen Sektor Berlins“ waren, sind davon nicht betroffen gewesen. Theodor Ernst war also nur in Berlin ein „Kriegsverbrecher“, in Potsdam zum Bespiel nicht, was für eine verkehrte Welt. Theodor Ernst wurde nie der Prozess gemacht oder irgendeine Anklage erhoben, mit der Wegnahme seines gesamten Eigentums bis auf einen Schrank, einen Stuhl, einen Tisch, ein Bett, 50,- Mark in bar sowie die 1 ½ Zimmerwohnung des Nachtwächters wurde der Vorgang abgeschlossen. Die Geschichte des Grundstücks nahm dann seinen Lauf: Erst wurde es die „Jugendwerft“, danach wurde es „Rennboot-Kollektiv“ unter Leitung von Hellmuth Fugmann, dann wurde es ein Teil der Yachtwerft und zum Schluss war es die „Forschungsstelle für Sportgeräte“. Theodor Ernst, von seiner Unschuld überzeugt, wollte sich nicht durch die Flucht nach dem Westen schuldig bekennen. „Ich kann mich allein ernähren, ohne jemanden auszubeuten!“ sagte er damals zu seinem Sohn. Als Maurer, was man ihm angeboten hatte, wollte er nicht arbeiten. Als er dann gefragt wurde, als was er denn sonst arbeiten könne, sagte er, er sei Bootsbauer und er könne Boote zeichnen. Somit wurde ihm nahe gelegt, sich selbständig zu machen. Er gründete das „Konstruktionsbüro Ernst“, welches die Grundlage für die heutige Existent der Familie Ernst darstellt.

Igelit Ruderboot
Igelit Ruderboot – Konstrukteur und Gebaut: Theodor Ernst

Theodor Ernst entwickelte Boote in Holz, Stahl und Kunststoff. Zum Beispiel konstruierte er das erste Kunststoffboot der DDR im Jahre 1949. Es handelte sich um ein Paddelboot vom Typ „Juwel“. Der Trick war der, dass ein normales Holzboot herangezogen wurde, und zwar nur die Spanten. Über diese wurden dann Leisten befestigt und das ganze wurde mit einer Haut aus Degelit überzogen. Degelit, früher hieß es Igelit und durfte aus Namenrechten nicht mehr so genannt werden, wurde bereits 1938 in Bitterfeld produziert. Es handelte sich um ein weiches PVC. Die Haut wurde am Kiel und an der Scheuerleiste zusammengeklebt und mit einer Leiste geschützt. Dieses Boot wurde dann für ca. 300,- Mark zu tausenden gebaut und verkauft. Dieses Boot war die Basis für die später von Bergemann weiter entwickelten Rennruderboote, die dann zig Medaillen für die DDR eingefahren haben.

G9 Dreipunktboot mit König-Motor - 1951 AWA Berlin
G9 Dreipunktboot mit König-Motor – 1951 AWA Berlin

1951 stellte er dem Publikum auf der Berliner Wassersport-Ausstellung unter dem Funkturm sein Stufen-Autbordboot der Klasse C mit einem 500 ccm König-Heckmotor vor. Das Boot erreichte eine Geschwindigkeit von rund 90 km/h. Auf dem Bild ist außerdem das ca. 9 Meter lange Vorderkajütboot vom Konstrukteur Hellmuth Fugmann zu sehen.      

An seinem letzten Urlaubstag, am 05.07.1961 verstarb Theodor Ernst im Alter von 58 Jahren. Er starb auf dem Wasser, in einem Boot, welches er nach einem Riss seines Sohnes gebaut hatte.

 

 


Berlin im März 2011 (dp) Klassik-Boote dankt Manfred Ernst für die Unterstützung der Recherche und die Überlassung von Bildmaterial. Herrn Philipp vom Wassersportmuseum Grünau ist es zu verdanken, dass er eines der Igelit-Boote vor dem „Verschrotten“ gerettet hat. Die Geschichte hört hier noch lange nicht auf. Es gibt noch eine ganze Menge zu berichten, seid gespannt. Berlin-Grünau im Juli 2008 (dp)

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Mein Real-Name ist Detlev Pickert, geb. 1957 in Berlin-Zehlendorf. Einen Teil meiner Jugend habe ich im Schwarzwald verbracht und dort meine Lehre mit dem Abschluss einer Gesellenprüfung als Zimmermann bestanden. Zurück nach Berlin gekommen, bin ich in die IT eingestiegen, zu der Zeit gab es in Deutschland noch keine PC's. Mein erster Job war im Großkauf am Saatwinkler Damm, dahinter befand sich König-Motorenbau. In jeder freien Minute habe ich zu dieser Zeit Dieter König und den Mitarbeitern von Dieter bei ihren Testfahrten zugeschaut. Mich faszinierte das Geschehen enorm. 2002 habe ich nach einem Umzug in den süd-östlichen Teil hinter Berlin den Bootsführerschein absolviert und mein erstes Boot war eine Plaue. Da es mich schon immer sehr interessiert hat, wer solche wunderbaren Fahrzeuge konstruiert und gebaut an, fing meine Recherchetätigkeit an, die mich nie wieder losgelassen hat. Hunderte von Interviews mit alten Bootsbauern, Werftbesitzer, Motorenschlosser, mit Personen, die dem Wassersport verbunden waren und Recherchen in Bibliotheken, Büchern und Magazinen hat sich ein enormes Wissen angesammelt. Nach einer Pause von gut 10 Jahren wird nunmehr sukzessive vieles von dem Wissen auf dieser Plattform veröffentlicht. Keine der Geschichten ist abgeschlossen, denn jeden Tag kommen neue Informationen hinzu. Ich habe weder Germanistik noch Journalismus studiert, ich schreibe so, wie meine Gedanken es mir vorgeben. Wer sich daran stört, der findet sicherlich andere Seiten, wo er sich wohler fühlt.